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Atomkraft

Krümmel-Pannen: Atomkraftwerk vor dem Aus?

Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Kernkraftwerk Krümmel in Geesthacht für die Stilllegung des Atomreaktors. © dpa Fotograf: Kay Nietfeld
große Bildversion anzeigen Nicht nur Umweltverbände fordern das endgültige Ende für Krümmel.

Nach der zweiten Panne im schleswig-holsteinischen Atomkraftwerk Krümmel binnen weniger Tage gerät der Betreiber Vattenfall Europe zunehmend unter Druck. Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast sprach dem Konzern die Eignung ab, Atomkraftwerke zu betreiben. Der Vorsitzende der niedersächsischen SPD, Wolfgang Jüttner, forderte die endgültige Abschaltung des Meilers. "Es müssen alle erdenklichen und rechtlichen Möglichkeiten einer Stilllegung ausgeschöpft werden", sagte er der "Neuen Presse". Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Katherina Reiche, verlangte eine lückenlose Aufklärung des jüngsten Störfalls.

Wann der Reaktor wieder ans Netz gehen kann, ist noch völlig unklar. Die Atomaufsicht in Kiel teilte mit, dass ein Wiederanfahren des Reaktors formal nicht zustimmungspflichtig sei. "Vattenfall hat eine Dauerbetriebsgenehmigung", sagte ein Sprecher. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, er sei mit Schleswig-Holstein einig, dass der Reaktor nur mit Zustimmung der Bundesaufsicht wieder angefahren werden soll. Gabriel sagte am Montag, er bezweifle prinzipiell die Sicherheit von Krümmel. Die Anlage "darf nach meiner festen Überzeugung nicht so schnell wieder angeschaltet werden", sagte er NDR Info. Zugleich betonte er, eine Stilllegung Krümmels nach dem Gesetz sei nicht möglich.

Länder streiten mit Gabriel über Atomaufsicht

Gabriel kündigte am Montag zudem an, er wolle den Bundesländern die Aufsicht über die Atomkraftwerke entziehen. "Der Bund soll eine Bundesaufsicht einführen, die wirklich alle 17 Atomkraftwerke umfasst. Das Gezerre zwischen Bund und Ländern gibt es nirgendwo auf der Welt", sagte Gabriel am Montag in der ARD. "Es muss eine einheitliche Atomverwaltung her." Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) widersprach Gabriel. Die Kontrolle der Atomkraftwerke sei weiterhin Sache der Bundesländer, sagte Trauernicht am Montag. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) nannte Gabriels Äußerungen "völlig unsinnig". "Wenn er als SPD-Politiker will, dass der Bund den Ländern die Atomaufsicht abnimmt, brüskiert er damit die schleswig-holsteinische SPD-Politikerin Gitta Trauernicht." Heftige Kritik an Gabriels Vorstoß kam erneut von Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander. Der FDP-Politiker sagte am Montag, Gabriel habe sich als Fachpolitiker disqualifiziert. Die Zusammenarbeit der Bundesländer funktioniere gut, die Experten säßen in den Ländern.

Nachbarn besorgt

Kritik an Vattenfall kam aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) verlangte Presseberichten zufolge von dem Unternehmen "unverzüglich totale Transparenz bei der Aufklärung der Ursachen und der Information der Bevölkerung". Die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern bezeichneten Krümmel als Gefahr auch für den Nordosten. Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) solle sich für eine sofortige Stilllegung des Kraftwerks einsetzen.

Ampeln in Hamburg fielen aus

Das Kernkraftwerk Krümmel sollte am Wochenende wieder auf seine volle Leistung hochgefahren werden, schaltete sich aber selbständig ab. Die Abschaltung wurde durch einen Kurzschluss in einem Transformator ausgelöst, ähnlich wie vor zwei Jahren. Am Montag wurde die Suche nach den Ursachen des Kurzschlusses fortgesetzt. Vattenfall hat nach eigenen Angaben bisher "keine Erklärung". Die Schnellabschaltung führte in Hamburg zu massiven Störungen: Ampelanlagen fielen aus und durch den Ausfall von Pumpen brachen Wasserrohre. Auch in Schleswig-Holstein kam es am Sonnabend zu Schwankungen im Stromnetz, wie die NDR 1 Welle Nord berichtete.

Greenpeace verriegelt Einfahrtstor

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace verriegeln in Geesthacht die Einfahrt zum Atomkraftwerk Krümmel mit Eisenketten.  © dpa Fotograf: Ulrich Perrey
Greenpeace-Protest: "Geschlossen wegen Unzuverlässigkkeit."

Vor dem Kraftwerk in Geesthacht protestierten am Montag erneut Atomkraftgegner. Vertreter von Greenpeace verriegelten ein Einfahrtstor mit Eisenketten. "Geschlossen wegen Unzuverlässigkeit", stand auf einem Schild. Auch vor dem Ministerium in Kiel forderten Atomkraftgegner, den Meiler stillzulegen. Bereits am Sonntag hatten Kernkraftgegner für die sofortige Abschaltung von Krümmel demonstriert. Sie erhielten Unterstützung von Organisationen wie dem BUND, dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz BBU und Robin Wood sowie verschiedenen Bundes- und Landespolitikern der Grünen.

"Blackbox" in der Leitwarte ausgeschaltet

Die Aufklärung des Zwischenfalls könnte Medienberichten zufolge schwieriger werden als erwartet. Wie "Die Welt" am Montag berichtete, war zum Zeitpunkt der Reaktorabschaltung die sogenannte Blackbox in der Leitwarte des Kernkraftwerks außer Betrieb. Das Gerät soll - ähnlich wie die Flugschreiber in Flugzeugen - alle Gespräche und Geräusche aufzeichnen. Diese Aufnahmen hätten dem Bericht zufolge Aufschluss über den Grund der Panne geben können. Das schleswig-holsteinische Sozialministerium, zuständig für die Atomaufsicht, hatte die "kontinuierliche Audioaufzeichnung auf der Hauptwarte" angeordnet. Gegen diesen Beschluss ging Vattenfall vor. Eine entsprechende Klage des AKW-Betreibers ist derzeit beim Oberverwaltungsgericht Schleswig anhängig.

Störfall möglicherweise mit 2007 vergleichbar

Die Schnellabschaltung hatte möglicherweise die gleiche Ursache wie der Störfall von 2007, der einen zweijährigen Stillstand des Reaktors nach sich zog. "Laut dem ersten Sachstandsbericht unserer Gutachter ist nicht auszuschließen, dass der Störfallablauf im Maschinentransformator mit dem vom 28. Juni 2007 in dem baugleichen Maschinentransformator vergleichbar ist", erklärte Trauernicht. Damals war der Trafo in Brand geraten, nachdem ein Lichtbogen Öl entzündet hatte. Inwieweit der Trafo am Sonnabend beschädigt wurde, müssten die genauen Untersuchungen im Inneren in den kommenden Tagen zeigen. "Die Alterung der Transformatoren in Krümmel stellt sich immer deutlicher als Problem heraus. Die Folgen dieses Störfalls sind weitreichend. Für mich heißt das in letzter Konsequenz: Erneuern statt reparieren", sagte die Ministerin. Vattenfall selbst kündigte eine umfassende Analyse des betroffenen Trafos an. Der Transformator sei durch einen "Kurzschluss im Innern" ausgefallen. Das Aggregat ist Züfle zufolge 33 Jahre alt und seit 1983 in Krümmel in Betrieb.

Stand: 06.07.2009 15:56
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