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Interview mit der Hamburger Regisseurin Ulrike Grote

Ulrike Grote war bereits eine erfolgreiche Schauspielerin, bevor sie 2002 durch das Studium an Hark Bohms Hamburg Media School zum Regiefach wechselte. Nach ihrem Schauspielstudium an der Hochschule der Künste Berlin war sie elf Jahre Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. 2005 erhielt Ulrike Grotes Abschlussfilm "Ausreißer" den Studenten-Oscar. Ihre Arbeit wurde nun nochmals für den Oscar als "Bester Kurzfilm" nominiert. NDR Online sprach mit dem in Hamburg lebenden Multitalent über die Oscar-Verleihung, den Tod und die Dankesreden-Anleitung von Tom Hanks.

Was macht deutsche Studentenfilme würdig für den Oscar?

Bei unserer Schule weiß ich das, das liegt am 'Hark-Bohm-Unternehmen'. Es bringt uns bei, amerikanisch-klassisch zu erzählen: ein Held, ein Ziel, ein Hindernis. Lernt erst die Regeln, sagt Bohm, und wenn ihr sie könnt, dann brecht ihr sie. Also nicht zuerst einen Kunstfilm machen. Wenn man sich amerikanische Filme anguckt, sind die alle so gemacht, auch die Independentfilme.

Wollen Sie aus "Ausreißer" einen Langspielfilm entwickeln?

Wenn ich den noch einmal machen würde, würde ich mich zu Tode langweilen. Ich schreibe gerade einen Episodenfilm, es geht um Tod - mal wieder, das ist ein Thema von mir. Und es geht um Schuldgefühle, die man verdrängt und nicht los wird.

Warum das Thema Tod?

Weil es in meinem Leben oft vorgekommen ist. Erst sind alle gesund und sorglos. Plötzlich stirbt die beste Freundin, plötzlich stirbt der Vater. Dann denkt man: Der nächste bin ich. Seit mein Vater 2002 gestorben ist, setze ich mich damit auseinander. Die Menschen, vor allem in unserer westlichen Kultur, sind Verdränger. Ich suchte etwas, was alle verbindet, ob nun arm oder reich oder Professor oder Oscar-Gewinner. Das ist der Tod, ein Moment, den man erleben muss, ob man will oder nicht. Und das alleine.

Der Kurzfilm ist "H. H. G." gewidmet - ihr Vater?

Ja. Den nächsten Film widme ich Hermann Lause. Ich hatte eine große Rolle für ihn geschrieben und war fassungslos, als er vergangenen März starb. Ich will an seiner Stelle seinen Sohn, der Laie ist, für einen kleineren Part besetzen.

Wenn Sie den Kurzfilm-Oscar bekommen: Wer käme in der Dankesrede vor?

Mein Sohn. Man kriegt als Anwärter eine DVD mit einer Anleitung für die Dankesrede von Tom Hanks, der sagt: Das ist eine gute Idee, das machen Sie besser nicht, auswendig lernen wäre schön. Rauf auf die Bühne, 60 Sekunden und nicht zuviel Dankeschön, das interessiert niemanden. Hoffentlich kriege ich keinen hysterischen Heulkrampf.

Also ist die zweite Nominierung anders als die erste?

Natürlich! Dieses Mal heißt es: 'The Oscar goes to'. Man sitzt da und weiß, man wird fotografiert mit einem blöden Gesicht. Wenn man ihn nicht kriegt, muss man doll klatschen, und wenn man ihn kriegt, guckt man auch doof. Man sieht in jedem Fall idiotisch aus.

Wo steht ihr Studenten-Oscar?

Der Würfel? Auf meinem Arbeitsplatz, neben meinem Computer. Ich freu mich, dass er da steht.

Haben Sie eine Vorliebe für ein bestimmtes Genre?

Das komödiantische Drama oder die dramatische Komödie. Das, was Billy Wilder in fast allen seinen Filmen hingekriegt hat. Er hat auch so tolle Bilder geschaffen. Ich wünsche manchmal, dass der Geist von Billy Wilder in mich hineinfährt.

Wie sind Sie an das fantastische Ensemble für den "Ausreißer" gekommen - Monica Bleibtreu, Burkhard Klaußer, Hermann Lause?

Ich habe mit denen viele Bühnenjahre erlebt. Das sind langjährige Begleiter, die mir viel beigebracht haben. Ich schreibe sowieso immer für Schauspieler. Im neuen Film hat Monica Bleibtreu eine große Rolle, ebenfalls dabei ist Peter Jordan und ich hätte gerne Uli Noethen. Das sind alles Schauspieler, die in der Lage sind, aus einem Stoff noch einmal das Beste rauszuholen. Die spielen sich um Kopf um Kragen.

Hat sich durch die Regiearbeit ihr Verhältnis zu Schauspielern verändert?

Nein. Ich spiele und drehe immer noch als Schauspielerin, damit mir das nicht verloren geht. Ich finde, der Regisseur ist nicht ein Zampano, der rumhampelt und sagt, was gemacht wird, sondern einer, der eine Vision hat und ein Korrektiv ist. Es ist ein Beobachten. Ich gucke sowieso irrsinnig gerne zu, auch bei den Proben.

Worauf freuen Sie sich nun am meisten bei der Oscar-Verleihung?

Ich fahre jetzt nicht im Rausch da rüber, sondern weil es Verpflichtung ist. Ich möchte arbeiten und freue mich darauf, hier wieder am Set zu stehen. Was Tolleres als Drehen gibt es für mich nicht.

Weitere Informationen

Oscar-Nominierung für Hamburger Filmemacherin

Ulrike Grote hat für ihren Kurzfilm "Ausreißer" eine Oscar-Nominierung erhalten.