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Freenet AG - nichts für schwache Nerven

Freenet-Standort Hamburg © freenet
große Bildversion anzeigen Spezialist für Berg- und Talfahrten: die freenet AG.

Nach anderthalb Jahren bitterer Auseinandersetzungen kam die erlösende Nachricht am 2. März 2007: Aus der Büdelsdorfer mobilcom AG und ihrer Hamburger Tochter freenet.de AG ist ein einziges Unternehmen geworden, die freenet AG. Für schwache Nerven eignet sich die Vorgeschichte der beiden Telekommunikationsunternehmen allerdings nicht. Aus einem Handy-Vermarkter mit einem Chef und einer Mitarbeiterin entstand in zehn Jahren ein doppelter Börsenstar, noch schneller folgten der Absturz, der Verlust von rund 2.000 Stellen, Prozesse und monatelange Querelen.

Börsenstar am Neuen Markt

Den Grundstein für den beispiellosen Aufstieg und Fall legte 1991 Gerhard Schmid, einstiger mobilcom-Vorstandschef, in Schleswig. Schmid wandelte seinen Handy-Dienstleister in eine Aktiengesellschaft um, und der Börsengang 1997 wurde zum Triumphzug: Zu den besten Zeiten des Neuen Markts wuchs Schmids Vermögen auf zwei Milliarden Euro - auf dem Papier. Als 1998 das Telefonmonopol der Telekom endete, kam zu den mobilcom-Erfolgen als Mobilfunk-Dienstleister noch das Festnetzgeschäft. Wie zuvor bei den Handys trat mobilcom als Anbieter ohne eigenes Netz auf. Vor allem mit billigen Call-by-Call-Tarifen machte sich die Firma einen Namen. Auch ins Geschäft mit Internetzugängen stieg das Unternehmen schließlich ein: Freenet war zunächst nur ein Dienst der Büdelsdorfer, wuchs dann aber unter der Regie von Eckhard Spoerr zu einer Tochterfirma, die im Dezember 1999 selbst an die Börse ging. Zwei Jahre später zählte sie schon mehr als drei Millionen Haushalte, die sich über freenet ins Internet einwählten.

Boom in Büdelsdorf

Freenet-Zentrale in Büdelsdorf. © freenet AG
große Bildversion anzeigen Die Kleinstadt Büdelsdorf liegt bei Rendsburg.

Die Erfolgsgeschichte von mobilcom löste einen wahren Boom im kleinen Büdelsdorf aus, das täglich rund 2.000 Mitarbeiter ansteuerten. Es ging stetig aufwärts, bis sich um die Jahrtausendwende das Blatt wendete. Mobilcom wollte mit den Großen der Branche gleichziehen und beteiligte sich im Mai 2000 am Milliardenpoker um die UMTS-Lizenzen. Multimedia-Anwendungen, mobiles Internet, ortsbezogene Dienste: Der neue Mobilfunkstandard löste Goldgräberstimmung in der Branche aus. Schmid holte France Télécom mit 28,5 Prozent ins Boot und ersteigerte für 8,4 Milliarden Euro eine UMTS-Lizenz. Doch ausgereifte Technik, um die teuren Frequenzblöcke effektiv zu nutzen, ließ auf sich warten. Ein Ende des Mobilfunk-Booms zeichnete sich ab, und die mobilcom-Aktie ging auf Sinkflug.

Milliardengrab UMTS: Mobilcom am Rande der Pleite

Über Tempo und Finanzierung des UMTS-Netzaufbaus gerieten mobilcom und France Télécom schon bald in Streit. Der französische Staatskonzern suchte den Ausstieg bei mobilcom und brachte das schleswig-holsteinische Unternehmen 2002 an den Rand der Pleite. Gründer Schmid musste den Chefsessel räumen, erst nach langem Streit und mehreren Prozessen einigte er sich mit den Franzosen über das 50-Prozent-Aktienpaket, das ihm und seiner Frau gehörte: Der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma erhielt das Paket als Treuhänder. Damit war der Weg für eine Entschuldung des Unternehmens frei.

Ende des teuren Traums

Die Finanzmisere hatte auch Folgen für die bis dahin knapp 5.000 mobilcom-Mitarbeiter. Teil des Sanierungskonzepts für den angeschlagenen Mobilfunker war ein Sozialplan, der den Abbau von rund 1.850 Vollzeitarbeitsplätzen vorsah. Im Laufe des Jahres 2003 kehrte mobilcom wieder in die Gewinnzone zurück, das Unternehmen konzentrierte sich auf das Kerngeschäft als Mobilfunk-Dienstleister. Der teure Traum vom eigenen UMTS-Netz endete im Dezember 2003 endgültig: Die Büdelsdorfer gaben ihre Lizenz zurück, für exakt null Cent.

Die Internet-Tochter freenet ging zur selben Zeit auf Einkaufstour. Für 35 Millionen Euro kaufte sie der Konzernmutter das Festnetzgeschäft ab. Der Internet-Dienstleister Strato gehört seit 2004 zu freenet, 2007 kam das Deutschland-Geschäft des Anbieters Tiscali dazu. Das Bietergefecht um die deutschen AOL-Zugänge gewann dagegen der Konkurrent Hansenet.

Fusion wird zum Hürdenlauf

Handy, Festnetz, Internet - die freenet-Schwerpunkte © ddp
große Bildversion anzeigen Komplettanbieter für Mobilfunk, Festnetz und Internet.

Im März 2005 kündigte mobilcom die Fusion mit freenet an, um die Kräfte zu bündeln und zum Komplettanbieter für Mobilfunk, Festnetz und Internet zu werden. Dass diese Branchen immer enger zusammenwachsen, zeigte sich anschaulich bei der Computermesse CeBIT 2005, als freenet ein Handy für Telefonate übers Internet präsentierte: Zum Leidwesen der Mutterfirma war dabei mobilcom-Wettbewerber E-Plus der Kooperationspartner. Der Weg zum Zusammenschluss wurde für die beiden Telekommunikationsfirmen allerdings zum Langstrecken-Hürdenlauf: 24 Kleinaktionäre blockierten die Fusion monatelang mit Klagen.

Universalanbieter für Internet, Festnetz und Mobilfunk

Wieder und wieder gab es Verhandlungen und außergerichtliche Kompromisse, bis Anfang 2007 schließlich der letzte Anteilseigner seinen Protest zurückzog. Als Folge des Zusammenschlusses entstand in Büdelsdorf mit der freenet AG ein Universalanbieter für Internet, Festnetz und Mobilfunk mit dem früheren freenet.de-Chef Spoerr an der Spitze.

Aufstieg zur Nummer drei im Handy-Markt

Im April 2008 gab freenet bekannt, dass es den größeren Konkurrenten debitel übernehmen wird - mit zusammen rund 19 Millionen Kunden fusionieren beide zur Nummer drei im Mobilfunkmarkt nach T-Mobile und Vodafone. Freenet/debitel zieht damit an E-Plus und O2 vorbei. "Der Kauf ist ein Meilenstein in der Geschichte von freenet", sagte Spoerr, der mit dem Deal auch eine mögliche Zerschlagung von freenet verhindern wollte. Die Großaktionäre United Internet und Drillisch hatten eine Übernahme geplant. United Internet legte gegen die Akquisition rechtliche Schritte ein. Eine einstweilige Verfügung wurde aber vom Landgericht Kiel abgewiesen. Ende Mai genehmigte das Bundeskartellamt die Übernahme von debitel. Der Versuch der Großaktionäre, Spoerr bei der Hauptversammlung im Sommer abzusetzen, scheiterte.

Drastischer Stellenabbau

Eckhard Spoerr auf einer Hauptversammlung der freenet AG © dpa
große Bildversion anzeigen Vorstandschef bis zum 23. Januar 2009: Eckhard Spoerr.

Im November 2008 kündigte freenet einen drastischen Stellenabbau an. Fast jeder siebte Arbeitsplatz, insgesamt 1.000 Vollzeitstellen, solle wegfallen. Der Vorstand strebe an, die zentralen Bereiche "schlanker aufzustellen" und sich auf die "kundennahen Bereiche" zu konzentrieren. "Wir wollen uns mit diesen Veränderungen optimal aufstellen, um am Markt angreifen und wachsen zu können", sagte Spoerr. Bei den Betriebsräten der übernommenen debitel-Gruppe sorgte die Ankündigung für heftigen Protest. Sie entzogen Spoerr das Vertrauen.

Spoerr verlässt das Unternehmen

Auch die Kritik von den Großaktionären Permira, United Internet und Drillisch am Vorstandsvorsitzenden wurde Ende des Jahres 2008 immer heftiger. Grund: der schleppende Verkauf der DSL-Sparte und der fallende Aktienkurs. Der Aufsichtsrat mit Thoma an der Spitze stellte sich aber noch hinter Spoerr. Kurz vor Weihnachten zog der freenet-Chef dann selbst die Konsequenzen aus dem internen Machtkampf - und kündigte seinen Rücktritt zum 23. Januar 2009 an. Zum neuen Vorstandssprecher wurde das Vorstandsmitglied Joachim Preisig ernannt.

Stand: 26.03.2009 11:57
Internet-Links

Informationen über den Telekommunikations- dienstleister.

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